Sonntag

Meines Opas Weltkrieg - ein verstummter Schrei aus Vierzehnachtzehn


Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Linnen kleidete und Tag für Tag in Freuden lebte. Dann kamen verkleidete Matrosen, stahlen ihm sein feines Linnen und den Purpur, nahmen ihm die Freuden und am Ende auch den Tag. Sie wollten alle armen Leute um sich versammeln. Auch mein Opa war arm, sein Vater ein Tagelöhner, mein Opa war in einer Hütte aus Stein geboren worden und mit den Hühnern im Dreck aufgewachsen.

»Dreck macht Speck«, sagte man.

»Ich muss austreten!«, sagte schon mein Opa.

»Die Seife liegt auf dem Spülstein!«, sagte schon meine Uroma.

Mein Opa war arm, aber nicht dumm genug, den verkleideten Matrosen zu folgen, nein, mein Opa folgte immer einfach der Mehrheit. Bis zum Sommer 1901 besuchte Opa die Volksschule in Züsch. Der letzte Krieg gegen Frankreich war schon dreißig Jahre her. Die bleierne Zeit schrie nach Neuauflage und Aufbruch und Heldenblut, aber vorerst ging Opa zu Fuß.

Nur ein paar Kilometer von der Schmelz nach Züsch in die winzige Ein-Klassen-Schule, zu der Lehrerin. Der Schulrat kam selten und an der Wand des Klassenzimmers hing ein großes Bild von Kaiser Wilhelm II., dessen rötliche Wangen und dessen, an den Enden hochgezwirbelter Schnurrbart, einen an den guten Bäckermeister Mathieu von Züsch erinnern konnte.

»Im Freibad in Trier hat es den Bademeister Pürzenich, der hat die selben feuchten Augen wie unser Kaiser!«

»Du warst schon in Trier, Anna?«, fragte mein Opa.

»Nein, aber meine Mutter hat es gesagt!«

Anna war ein Traummädchen, schon als Kinder haben die beiden zusammen gespielt, und da, wo einst der historische Schinderhannes festgenommen worden war, aber unmittelbar darauf entfliehen konnte, eben in Züsch, einem kleinen, idyllisch nennbaren Dörfchen in dem Teil des Hunsrücks, der Schwarzwälder Hochwald heißt, in Züsch, bekam Opa in Religion und biblischer Geschichte immer ein sehr gut, genauso im Betragen. Und in Züsch, da tobte er als Junge schon mit Anna herum. Und in seinen Militärzeugnissen später, da stand diese Note vom Kaiser: besonders tapfer. Opa war also ein Mann aus den Hunsrückwäldern, auf den sich selbst die unverschämtesten Junker mit Stadtwohnung in Berlin stets verlassen konnten.

Denn in Opa schlummerte ein Verhängnis, ein seltsamer Drang, auch wenn er selbst sein Verhängnis nicht als ein Verhängnis, sondern nur als einen Gedanken sah. »Lebenslauf von Johannes Deprez«, hatte ich, der wissbegierige Enkel gelesen: »Der mich stets leitende Gedanke, mich weiter emporzuarbeiten, reifte in mir den Entschluß...« Das war ein Satz mittendrin. Das war Opa. Das war ein Satz, dessen Klarheit die Kapriolen verkraftete, die seine Schreibmaschine mit den Buchstaben angestellt hatte. Ein hochmoderner Satz, ich ließ mich durch die Wortwahl nicht täuschen. Opa wollte raus aus dem Dreck. Zu Fuß. Ein Hartfüßler.

Er ging durch den Wald und machte Holz. Er ging in den Dorfgasthof und fand Freunde. Er ging zur Zeche und machte Kohle. Er ging bis ins königliche Hafenamt zu Saarbrücken und fand die Knappschaft. Plötzlich ging er mit Anna. Ein Foto, fast so klein wie eine Briefmarke, zeigte Opa und Oma in Rom, unter Palmen. Auf der Rückseite, in gestochenem Zwergen - Sütterlin: »Zur Erinnerung an unsere schönsten Stunden.«

»Wenn man die verlorenen Stunden zählt, wiegt eine schöne mehr als tausend häßliche.« Das stand auf der Rückseite eines anderen Fotos. Oma und Opa auf der Zugspitze.

Solche Fotos, obwohl schwarzweiß, obwohl verblasst, obwohl von längst vergangenen Ereignissen handelnd, konnten die düstere Gegenwart aufhellen. Ich schmunzelte. Ausgerechnet den verbeulten Koffer mit Opas Hinterlassenschaften hatte meine Mutter mir vererbt. Ich wälzte mich nun auch noch in Opas und Omas Erinnerungen. Sah herab vom Hochsitz eines Enkels; auf sein Verhängnis, auf seinen seltsamen Drang, auch wenn er selbst sein Verhängnis nicht als ein Verhängnis, sondern nur als einen Gedanken sah.

Bis 1908 war er mit dem Waldarbeiterleben, der gelegentlichen Einkehr im Gasthof des Dorfes, mit der Nähe von Anna und dem Bergmannsdasein im königlichen Hafenamt zu Saarbrücken, welches sich dem Holzmachen anschloss, vollauf zufrieden, mein Opa. Aber dann zog ihn sein stets leitender Gedanke zum Militär und reifte in meinem Großvater den Entschluss, die preußische Uniform anzuziehen. Mit einundzwanzig wurde er Reichssoldat. In Sachsen. Endlich in die weite Welt. Im Frühjahr 1913 zeugte er seine erste Tochter, als ein frisch gebackener Unteroffizier, am 22.12.1915 heiratete er seine Anna, meine tüchtige Großmama, da war er nur für ein paar Tage von der Front beurlaubt, nach der Abwehrschlacht bei La Bassée und Arras.

Inzwischen trug er einen hoch gezwirbelten Schnurrbart, genau wie sein ältester Bruder Albert und genau wie der Kaiser. Nur dass sein Bruder sofort gefallen war. Nur dass der Kaiser meistens eine frische Uniform trug. Nur dass der Kaiser täglich rasiert wurde. Zwischen dem Osten und dem Westen, in endlose Ketten rostiger Waggongs gehäuft, von denen niemand sicher war, ob und wann sie in Bewegung kamen, fühlte sich Opa wie ein Stück Kohle, das zum Verheizen gebracht wird. Nach Hause aber schrieb er freundliche Feldpostkarten und behielt seine Sorgen für sich.

Nicht nur zwirbelte mein Opa seinen Schnurrbart genau wie der Kaiser, genau wie er liebte er inzwischen seine Uniform. Aber alles an ihm wirkte natürlich weit einfacher, schlichter auf den verblichenen Fotos, weit dunkler, braunäugig eben und irgendwie wallonisch, statt preußisch.

Die Liste seiner geschlagenen Schlachten ist lang, seine ungeschlagenen Schlachten sind nirgends erwähnt.

Die Schlachten schlug er für Wilhelm II., den preußischen Bäckermeister, der sich mal in Hofjagduniform, mal als »Bonner Preuße« in Nadelstreifenhose und mit Stock, mal im Kreise der kaiserlichen Familie, im Manöver, in der Uniform der Gardekorps, im Interimsrock der englischen Artillerie, in Zivil im märkischen Sand und schließlich in Admiralsuniform fotografieren ließ. Jawohl, in der prächtigen, kaiserlichen Admiralsuniform, die er wohl am liebsten mochte, denn bekanntlich träumte dieser Bäckermeister nicht von märkischer Heide, sondern unausgesetzt von Schiffen, vom weiten Meer und großer Flotte, er schrieb bekanntlich nicht nur die Texte für seine Hofprediger, sondern verordnete seinem treuen deutschen Volk und meinem Opa eine deutsche Flotte, die dann im Meer versank, als der imperiale Größenwahn zum ersten Mal wie eine Seifenblase zerplatzte.

Die »Königsberg«, Paff! Peng! Schon im Juli 1915 war der Kreuzerkrieg am Ende, beim teuren Schiffeversenken - wieviel Flottenvorlagen hatte man doch gemacht! - beim Schiffeversenken, da hatten die deutschen Enormen kleinlaut den Schwanz einziehen müssen und was das schlimmste war, ich kann es vollkommen verstehen, dass mangels Schlachtschiff Wilhelm der Eroberer in Admiralsuniform keine richtige Admiralslust mehr empfinden konnte, zu den ganzen langweiligen Zu-Lande-Abwehr-Angriffs-und-Durchbruchsschlachten, zu welchen neben meinem belanglosen Opa auch viele der Enormen zur heldischen Tat und zur nationalen Wiedergeburt herangaloppierten.

Opa hingegen reihte sich unrasiert in die Verfolgungskämpfe zwischen Bug und Jasiolda, in die Abwehrschlachten bei La Bassée und Arras. Ging zu Fuß und liegend aufgrund der Stellungskämpfe in französisch Flandern in die Geschichte ein. Die Kämpfe um Verdun 1916 folgten und bei Baranowitsch und bei Metz, und immer wieder bei Metz. »Metz kommt von Gemetzel«, scherzte er später und lachte, während er seine Narben zeigte. Es war längst noch nicht alles. Die Schlacht bei Reims wäre noch hervorzuheben, die Erstürmung der Höhen des Chemin des Dâmes, die Angriffskämpfe westlich und südwestlich von Soissons, sowie die Abwehrschlacht zwischen Oise und Marne.

Opa wollte ursprünglich nach oben, weitestgehend zu Fuß, und konnte auf diesem allseits anerkannten und geforderten Weg nicht umhin, nach langen Aufenthalten in ratternden Zügen, im Stammland seiner eigenen Ahnen flach im Feld zu liegen, mit schwerem Geschütz: Stellungskrieg.

Ich wiederhole das Wort: Stellungskrieg. Stellungskriege waren massiv. Sie erforderten viele Opfer. Nichts ging voran. Schrecklich. Ich schwitzte, als mein innerer Blick auf ein Tornisterwörterbuch, Russisch, fiel. Ich konnte kein russisch. Für ‚Kohle’ fand ich unlesbare Zeichen und ‚u’gali’ als Lautschrift. Auch ‚Katholik’, ‚Kaiser’ und ‚Koffer’ waren übersetzt, nicht jedoch ‚Stellungskrieg’.

Opa hatte mir auch ein schmales Bändchen aus der ‚Unteroffiziers-Bibliothek’ hinterlassen: ‚Was der Unteroffizier von der Literatur wissen muß.’ Opa selbst schrieb kurze, ausdrucksstarke Literatur, die jeder verstehen konnte:

»Feldwebel Römer neben einem 21cm Mörser, kurze Zeit später haben wir ihn begraben«, schrieb er am 30. Mai 1916 auf die Rückseite eines Fotos, das so groß wie eine Postkarte war. Es zeigte einen jungen, schnurrbärtigen deutschen Soldaten, der mit einem stolzen Lächeln seinen linken Arm auf eine enorme Haubitze legt. So wie heute ein Schnurrbartträger manchmal seinen Arm auf sein neues Auto legt.

Opas Ansichtskarten aus dem Krieg. Die meisten schwarzweiß, einige in Farbe, alle waren sie düster und bedrückend. Karten von zerschossenen Dörfern, Batterieführerunterständen, auch von dem Unterstand, vor dem Opa von Granatsplittern getroffen wurde, am 28.8.1916. Karten von Schützengräben, leer oder voller müder Soldaten.

»Die Stunden des langsamen Todeskampfes beginnen«, hieß es da, »in den Galerien, welche von den unablässigen Explosionen von außen her erzittern, erwarten die erschöpften Kameraden ihr Schicksal.«

Deutschland kapitulierte am 11.November 1918, zu Weihnachten wurde Opa zum Offiziers-stellvertreter im Range eines Vizefeldwebels befördert.

Als meine Großmutter starb, war die große Familie noch versammelt. Als ich eines Tages mit Maman meinen Opa in einem Altenheim besuchte, lag der »Sächs. Unteroffz. DEPREZ« in einem Eisenbettgestell auf dünner Matratze. Sein Laken war fleckig. Sie waren in dem großen, gebohnerten Zimmer zu sechst oder acht.

»Alles Kriegshelden«, sagte er zu Maman.

Es roch nach Urin, Schweiß und Tod. Opa verlangte aufgeregt nach seinem Gebiss. Er winkte mich Enkel nah an seinen eingefallenen, zerfurchten Mund. Mit großen, angsterfüllten Augen starrte er mich an und flüsterte mit heiserer Stimme:

»Alles Verbrecher, Albert, alles haben sie uns geklaut, grüß mir den Kaiser!«

»Schlimmer als die Weiber, diese alten Männer!«, sagte der Pfleger im langen Flur.

»Da ist was dran, auch wenn die Männer jung sind und noch schießen wollen!«, erwiderte ich.

Der Pfleger sagte nichts mehr.

Als Opa starb, kamen einige nicht mehr zur Beerdigung. Er hatte mich mit seinem älteren, gefallenen Bruder verwechselt.

Zwischen den Fotos von Omas und Opas goldener Hochzeit fand sich eines, das die Großeltern mit dem Dechant zeigte. Sie tranken Wein, Großmutter trug eine kleine, goldene Krone aus Papier. Ich erinnerte mich dunkel an das Fest und ließ meine Cousins und Cousinen, meine Tanten und Onkel, meine Eltern, die ganze Verwandtschaft einander zuprosten: Auf ein langes Leben, Gesundheit und Glück. Ein anderes Foto zeigte den Spielmannszug der Knappschaft. Mir kam es vor, als wehten die langen Federn auf den schwarzen Bergmannshüten im Wind. Als klinge der Schellenbaum, als könne ich die Tuba, die Posaunen, Hörner und Trompeten hören, sowie das Jubilieren der Querflöten und Klarinetten.

Die Knappen in ihrer schwarzen Kluft. Opa war ihnen auch dann noch verbunden, als er preußischer Wachtmeister wurde. Als ich zu studieren anfing, waren Oma und Opa sehr stolz. Der Höhere Dienst war ganz nach ihrem Geschmack.

Die Kohle, die Zukunft und der Stellungskrieg hatten sich längst verflüssigt, schien es mir in diesem Moment. In die weite Ferne, wo man flüssiges schwarzes Gold leicht aus der Erde holen konnte oder aus dem Meer. Die Vergangenheit war ein einziger massiver Irrtum. Man war von ihr gefangen, an einem falschen Platz. Flüssig musste man sein. Ich musste mich langsam entscheiden.

Deutschland kapitulierte am 11. November 1918, doch Opa sprach Zeit seines Lebens nie von Kapitulation, sondern von Waffenstillstand. Schließlich hatte Opa persönlich auch nicht kapituliert, sondern die Enormen hatten es tun müssen.

Kurz vor dem Waffenstillstand also, sei er an Grippe erkrankt und habe die Revolution im Lazarett erlebt.

Vor den einrückenden Besatzungstruppen »begab« er sich – »fliehen« wäre 1940, als Opa den Lebenslauf tippte, einfach der falsche Ausdruck gewesen - zu seinem Truppenbataillon nach Limbach in Sachsen, mit der Führung des Halbbataillons Limbach betraut.

Nach dessen Auflösung im Frühjahr 1919 erfolgte, taktisch gesprochen, die Zeugung von Maman, seiner zweiten Tochter.

Mit dem Fussartl.Rgts.12 nahm mein Opa in Chemnitz dann den »Kampf gegen die Spartakisten und Kommunisten« auf.

Aber darüber sprach mein Opa nie.

Also fragte ich irgendwann meinen Jugendfreund Mendor, ob der nicht noch so nen alten Schinken irgendwo im Keller hätte, zum Beispiel diese illustriert - illustre, drollige Geschichte der deutschen Revolution. Er hatte, und aus der anderen Sicht sah natürlich alles auch ganz anders aus.

»Sieh an!«, sagte ich. »Die Diktatoren der Arbeiterklasse fühlen sich zu hart angefasst! Wenn sie nicht selbst an der Spitze der Demonstranten laufen, dann sind es kleinbürgerliche Massen, die da herumschreien, führerlos, kopflos, von Illusionen und Hampelmännern an den langen Nasen herumgeführt. Tanzbären, die für den demokratischen Zirkus taugen aber nicht für die Endlösung der großen proletarischen Revolution. Und wenn sie sich nicht durchsetzen können, wenn in ihren Augen was schiefgeht? Die anderen sind schuldig, vor allem die SPD-Verräter. Und wenn einer zur bewaffneten Zerschlagung von Staat und Gesellschaft aufrief, zur Diktatur des Proletariats, dann war es bei Bedarf und plötzlich ein verkleideter Matrose; dann war das eigentlich nicht so scharf gemeint, wenn scharf gesprochen und wenn bloß zuweilen scharf geschossen wurde.«

»Genau!«, sagte Mendor, »aber, dass scharf geschossen wurde, das ist ja nun vorbei. Und sich heute auf die vergangenen Seiten zu schlagen, sich die alten Parolen vorzuhalten, das verhindert nur, dass wir hier im Dorf endlich Alleenbäme anpflanzen können. Kastanien wären mir am liebsten, Pappeln brechen zu leicht!«

»Vom Jammer der deutschen Vergangenheit in den Jammer der deutschen Gegenwart, Jammern und Stöhnen aus Berufung und von Berufs wegen, wie satt ich das habe!«, sagte ich.

»Die Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution«, fuhr Mendor mit seiner Lesung fort, »ist für den deutschen Arbeiter geschrieben und soll eine Waffe im Befreiungskampf der Arbeiterklasse sein.«

Er ließ das Buch sinken, stand auf und setzte Wasser auf, ich hatte mit der Hand Kaffee gemahlen.

Mendor las weiter: »Umfang der Materialmenge und Charakter des Werkes geboten, es in kollektiver Arbeit zu schaffen. An der Redaktion waren beteiligt und Beiträge leisteten: Becker, Duncker, Eberlein, Frölich, Heckert, Hoernle, Karski, Knief, Koenen, Lenin, Leo, Levine, Liebknecht, Lindau, Luxemburg, Mehring, Münzenberg, Pieck, Remmele, Rück, Schreiner, Schumann, Stoecker, Thälmann, Ulbricht, Walcher, Zetkin, John Heartfield, Bildredaktion.«

Ein Karl-Marx-Bild schmückte die erste Seite und die abgedruckten Zitate hatten eine eher hilflos-rührende Wirkung:

»Wann wären die Deutschen nicht um Jahrhunderte zurückgewesen?«, soll der russische Anarchist Bakunin gesagt haben, wahrscheinlich hatte er es auch so gemeint, und Marx:

»Wir haben nämlich die Restaurationen der modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen. Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tage ihrer Beerdigung.«

»Welche Hilflosigkeit, seinen Gegner zu töten!«, sagte Mendor.

Er raffte sich dazu auf, noch zwei Sätze aus den Materialmengen vorzulesen: »Und die deutsche Republik läuft noch immer im bunten Narrenkleid der Feudalzeit herum. Die Zertrümmerung des Feudalbesitzes der großen Magnaten war sonst das erste Werk des revolutionären Bürgertums...«

Das Wasser kochte, der Kessel pfiff, ich nahm ihn vom Gasherd, Mendor goss frischen Kaffee auf, ein starker Duft erfüllte die Küche, Mendor quetschte das dicke und großformatige Buch unter den Geschirrschrank, an die Stelle, wo ein hölzerner Fuß abgebrochen war. Mendor sagte: »Ausgewackelt!« Wir tranken Kaffee, der Wind wirbelte braune Blätter an das Sprossenfenster, eine alte Frau in einem dicken Mantel kam aus dem kleinen Lebensmittelgeschäft gegenüber und ich sagte: »Ruhig ist es hier!«

Genug davon, meine Dame, meine Herren Analysten, auch Mendor und ich haben damals gestöhnt, wegen dieser altbackenen Dramaturgie, den leeren Vokabeln, den tragisch-komischen Rollen, dem anscheinend notwendigen Untergangs- und Wiedererweckungspathos.

Aber dennoch leuchtete es uns aus dem Kaffeesatz: Erstens. Es schien damals unumgänglich und wichtig zu sein, auf einer der zwei möglichen Seiten sich aufzuhalten. Zweitens. Opa war auf der Seite der um Jahrhunderte Zurückgebliebenen einzuordnen, auf der Seite der Hirten an der Spitze, auf der Gegenseite von verkleideten Matrosen. Drittens: Beide Seiten hatten die Welt nicht nur mit einem Schwall gewaltsamer Worte bedroht, sondern hatten begonnen, scharf aufeinander zu schießen. Wobei sehr oft das Kostüm für die echte Bekleidung gehalten wurde. Wobei die Admiralsuniform ohne den kaiserlichen Bäckermeister-Leib in Berlin zurückblieb. Wobei unter vielen anderen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg kaltblütig erschossen wurden. Wobei die echten und verkleideten Matrosen ihrerseits ein beträchtliches Mengenmaterial von Feinden unter Beschuss nahmen und nicht immer daneben trafen. Wobei schließlich aus Blut, Elend, Dreck und Qual die erste deutsche Republik entstand: eine reine Zerreißprobe. Viertens: Opa wurde auf eigenen Wunsch am 9.4.1920 in die Heimat entlassen. Fünftens: Und im Sommer zeugte er Edgar, Omas und Opas einzigen Sohn. Sechstens: Für Onkel Edgar war der Stahlhelm auch schon wieder gepresst, wie man in den Dörfern so sagte. Siebtens: Kaisers Kaffee schmeckte besser als Kaisers Krieg.



Aus: Die Spur der Seife, Roman von Klaus Servene